INTERVIEWS MIT PFLEGENDEN

Interview mit Luisa Stoll, Stationsleitung am Paracelsus-Krankenhaus

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Luisa Stoll

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Interview mit Frank Krause, Beauftragter für Innerbetriebliche Fortbildung und für Projekte im Pflegebereich

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Frank Krause

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Interview mit Raphaelle Boudot, Gesundheits- und Krankenpflegerin am Paracelsus-Krankenhaus

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Raphaelle Boudot

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INTERVIEW MIT LUISA STOLL

“LOVE IT, LEAVE IT, CHOOSE IT or CHANGE IT”

Interview mit Luisa Stoll (LS), Stationsleitung im Paracelsus-Krankenhaus zum Thema:

Woher bekomme ich Kraft für meine Aufgabe in der Pflege?

Die Fragen stellte Torsten Kleiner (TK), PDL am Paracelsus-Krankenhaus

TK:
Luisa, vor einem Jahr hat sich deine Aufgabe als Stationsleitung in unserem Haus sehr verändert. Kannst Du bitte kurz deinen Aufgabenbereich beschreiben. Was hat sich für dich verändert?
LS:
Ich habe seit einem Jahr die Leitung von 4 Stationen übernommen und bin gleichzeitig stellvertretende Pflegedienstleiterin geworden. Bislang hatte ich die Leitung von 2 Stationen gehabt. Als die Stationsleitung der anderen beiden Ebenen kündigte hatten wir keinen Ersatz und fanden den Versuch auch ganz spannend zu schauen, wie das funktionieren könnte.
Entscheidend verändert hat sich meine Anwesenheit bzw. Nichtanwesenheit auf den Stationen. Vorher war ich alle 2 Wochen für 4 Tage auf einer Station. Mit der Übernahme der beiden anderen Stationen war ich nun nur noch pro Monat  2 Tage auf jeder Station.
Wir wollten damit auch die Eigenverantwortung der Einzelnen stärken und erhofften uns dadurch eine Führung in der Selbstverantwortung des Einzelnen vor Ort.

(Nachtrag: inzwischen haben wir mit Katja Thomas eine weitere engagierte Stationsleitung gefunden, die ab September 2008 die beiden Stationen 4 und 5 übernahm)

TK:
Die eigentliche Arbeit der Pflege findet am Patienten statt. Als Stationsleitung bist du sowohl am Patienten tätig als auch administrativ. Fühlst du dich durch die Leitungsaufgaben von der pflegerischen Arbeit abgezogen? Wie kannst du diese beiden Welten miteinander verbinden?
LS:
Ja, das ist definitiv so, dass ich durch die administrative Arbeit von meinem Hauptbetätigungsfeld am Patienten abgezogen bin. Nach einiger Zeit habe ich wirklich gemerkt, dass ich  den Patienten so in seinem Gesundungsverlauf nicht wirklich begleiten konnte und empfand es auch als schmerzlichen Prozess. Um nicht darunter zu leiden, musste ich mir klar machen zu was ich „Ja“ gesagt hatte und mich positiv dazustellen. Ohne diese bewusste Hinwendung zu meiner Entsacheidung hätte ich mich ständig als ungenügend und zwischen den jeweiligen Arbeitsfeldern hin- und her gerissen gefühlt.
Diese Einstellung verhilft mir 100% da zu geben, wo ich gerade tätig bin.
Ich finde beide Arbeitsfelder inspirierend und erlebe es als eine tolle Möglichkeit für mich, beides auszuprobieren

TK:
Du bist auch in einem weiteren Feld sehr aktiv, nämlich in deiner „Freizeit“. Ist da nicht auch 100%-Einsatz gefordert? Was sind da so deine wichtigsten Baustellen?
LS:
Ich habe einen Mann und drei Kinder und natürlich ist da auch 100% Einsatz erforderlich.
Meine Familie unterstützt mich in meinen Aufgaben und ich habe mir zur Aufgabe gemacht meine Freizeit bewusst mit ihr zu gestalten. Ohne deren Unterstützung wäre es sehr schwer für mich. Freizeitaktivitäten und Zusammensein mit Freunden ist für mich Erneuerungsquelle.
Ich genieße das Zusammensein mit meinen Mitmenschen und bin glücklich über diese wundervolle Möglichkeit der Weiterentwicklung. Jede Begegnung ist für mich ein Erkennen meines Wesens im Anderen und so auch Weiterentwicklung für mich.
Außerdem bin ich sportlich 2-3 in der Woche unterwegs. Trotz der körperlichen Anstrengung fühle ich mich danach verjüngt und erquickt. Diese Dinge erschaffen mir einen Ausgleich zu meiner Arbeit und geben mir Kraft.

TK:
Du wirkst auf mich immer sehr engagiert und kraftvoll. Woher bekommst du diese Kraft?
LS:
Das meiste dazu ist schon bei der letzten Frage beantwortet. Anfügen lässt sich vielleicht noch das Grundmotto meines Lebens.
LOVE IT, LEAVE IT, CHOOSE IT or CHANGE IT.
Sag JA und handle dann auch JA. Sag NEIN, dann musst du aber auch gehen. Sag JA, weil es momentan deine Wahl ist aber nicht dein eigentliches Ziel….dann handle JA. Sag JA, weil du mit deinem Einsatz es zu dem verändern kannst, wie du es haben möchtest.
Damit stimme ich den jeweiligen Situationen zu und bin nicht das Opfer der Umstände.
Ehrlich, ich finde, dass diese Einstellung viel mehr Spaß macht als ewig da zu sein wo ich nicht sein möchte und die Umstände für mein Unglücklichsein verantwortlich zu machen.

TK:
Welche Momente in deiner Arbeit sind für dich schwierige Herausforderungen, welche eher Grund zur Freude?
LS:
Die größte Herausforderung ist nach wie vor einen geeigneten Ersatz zu finden bei Krankheitsausfällen. Es gab Zeiten, da war ich täglich damit beschäftigt Ersatz zu finden.
Grund zur Freude habe ich dadurch, dass ich meine Arbeit sehr gerne mache und gerne mit Menschen zu tun habe. Ich habe sozusagen optimale Lebensbedingungen mit dem, was ich  tue.

TK:
Was müssen wir deiner Ansicht nach verändern, damit unsere Teams, bzw. der einzelne Pflegende, immer stärker eine erfüllte Arbeitsatmosphäre erlebt?
LS:
Ganz wichtig ist es, dass die Mitarbeiter nicht über deren vereinbarten Arbeitsumfang eingesetzt werden.
Pflegende brauchen ihr FREI um sich zu erholen. Diese Freizeit muss gewährleistet werden.
Der zusätzliche Einsatz führt zu Überlastungen und somit wieder zu Ausfällen. Das ist ein Teufelskreis, der häufig in Pflegeeinrichtungen zu finden ist.
Wir werden durch die Bürokratie immer mehr vom Patienten, von unserer Ursprungstätigkeit abgezogen. Patientennahe Tätigkeit muss oft an Hilfskräfte abgeben werden, während Büroarbeiten mehr und mehr anfallen. Das führt zu einem gestressten unerfüllten Arbeitsalltag. Auch Supervision, die erwünscht wird, könnte eine Möglichkeit sein um Teamkonflikte zu bearbeiten.

TK:
Wenn du mit dem jetzigen Wissen nochmals vor der Entscheidung für den Beruf „Krankenpflege“ stehen würdest- wie würdest du dich entscheiden?
LS:
Ich würde mich wieder für die Pflege entscheiden, da sie mir viele Möglichkeiten für Weiterentwicklung bietet. Außerdem kann man als Pflegender überall auf der Welt arbeiten.
Das ist genial!

TK: Vielen Dank für deine Bereitschaft für dieses Gespräch.

August 2008

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INTERVIEW MIT FRANK KRAUSE


Interview mit Frank Krause (FK), Beauftragter für innerbetriebliche Fortbildungen und Projektmanager im Pflegebereich am Paracelsus-Krankenhaus in Unterlenghardt
Die Fragen wurden gestellt von Torsten Kleiner (TK), Pflegedienstleiter

TK: Du hast einen langen Werdegang seit deinem Examen als Krankenpfleger hinter dir, mal mehr am Thema Pflege dran, mal weiter weg. Ich habe den Eindruck, dass dieser Weg nötig war, damit du nun die ganz spezielle Aufgabe in unserem Haus für den Bereich Pflege erfüllen kannst. Was sind die wesentlichen Meilensteine auf diesem Weg?

FK:
So vielgestaltig diese Aufgabe sich jetzt darstellt, so vielgestaltig waren die „Vorbereitungen“ dazu. Dazu zähle ich sowohl die vorbereitenden Ereignisse, die das Leben veranlagt bzw. mit sich bringt, die man so nicht benennen kann als auch bestimmte von mir bewusst ergriffene Maßnahmen.
Ein wichtiger Meilenstein waren die zwei Jahre Ausbildung zum Lehrer für Krankenpflege im Hause „Sonnenblick“ in Unterlengenhardt, damals noch unter der Regie von Herrn und Frau Kliewer. Hier lernte ich die ersten Inhalte der Anthroposophie kennen und bekam wertvolles Handwerkszeug für eine Lehrtätigkeit vermittelt.
Das sozialwissenschaftlich orientierte Studium in Münster markiert den nächsten wichtigen Schritt auf dem Wege zu meiner aktuellen berufliche Aufgabe. Vor allem die Grundlagen der qualitativen empirischen Sozialforschung, die den Schwerpunkt des Studiums bildeten, geben mir hilfreiche Ansätze für das soziologische Arbeitsfeld meines Aufgabenspektrums.
Als nachhaltigstes Ereignis für meinen persönlichen und beruflichen Werdegang möchte ich das dreijährige Pro-Priesterseminar in Köln nennen. Den „anthroposophischen Grundstock“, welchen ich mir bis dahin angeeignet hatte, konnte ich dort von der theologisch--philosophischen Seite her erheblich erweitern und vertiefen. Ich kann sagen, dass dieses Seminar mir, neben allem persönlichen Gewinn, den wichtigsten Boden für die Unterrichte zur anthroposophischen Menschenkunde bietet.


TK: Das Thema „geisteswissenschaftliche Menschenkunde“, das du bei uns für die Pflegenden unterrichtest, hat uns früher nur der ärztliche Bereich unterrichten können. Wie konntest du dir dieses fundierte Wissen erarbeiten? Liegt es daran, dass du unser einziger „Akademiker“ bist?

FK:
Nein, daran liegt es sicher am allerwenigsten. Das Studium gibt mir in gewissen Hinsichten praktische Hilfe, z. B. für notwendige Literaturrecherchen. Das ist allerdings sehr nützlich.
Bei dem Thema „geisteswissenschaftliche Menschenkunde“ stütze ich mich auf anderes. Ich habe in verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen gearbeitet und hilfreiche Erfahrung damit gesammelt, wie aus den unterschiedlichsten Ansätzen heraus Anthroposophie verstanden und mit ihr als Grundlage praktisch umgegangen werden kann.
Zudem beziehe ich mich, wie schon angedeutet, wesentlich auf die Kenntnisse und Methoden, die ich im Verlauf des Pro-Priesterseminars gewinnen konnte.
Und nicht zuletzt spielen auch meine eigenen Lebensfragen an die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners bzw. meine Erfahrungen an ihr eine Rolle bei der Vertiefung dieses Themas.

TK: Wie gehst du vor, wenn du die Fortbildungsveranstaltungen zum Thema „Anthroposophische Pflege“ vorbereitest, was ist dir wichtig?

FK:
Vier Arbeitsschritte kann ich als Säulen meiner Vorbereitung bezeichnen: Die Klärung meiner Vorkenntnisse, die Festlegung der Dimension der Fortbildung, die eigentliche Themenbearbeitung und die Verinnerlichung des Inhalts.
Wenn ich ein Thema unterrichte, verschaffe ich mir zunächst Klarheit darüber, was ich selbst an „Sinnvollem und Brauchbarem“ zu diesem Thema schon sagen könnte.
Dann stelle ich mir die Fragen, welche Inhaltskriterien der Unterricht enthalten bzw. wie tief ich ihn veranlagen muss und wie ich einen Praxisbezug herstellen kann.
Nach dieser ersten Klärung beginnt entsprechend die inhaltliche Beschäftigung mit dem Thema.
Eine wichtige Vorgabe stelle ich mir damit, das Thema und die darauf bezogenen Inhalte zu verinnerlichen. Das Thema muss mir zur inneren Angelegenheit werden, es sollte mich auch persönlich interessieren. Das gelingt z. B. dann, wenn das Thema mir selbst zu einer Lebens- oder Erkenntnisfrage wird.
Dieser Schritt ist meines Erachtens wichtig, um zu vermeiden, dass der Unterricht abstrakt und unlebendig wird.
Mein Anliegen ist es, durch den Unterricht nicht nur „Stoff bzw. Wissen “ zu vermitteln, sondern Interesse anzuregen, bestimmte Fähigkeiten und Haltungen zu veranlagen und in manchen Fällen auch positive nachhaltige Betroffenheiten zu erzeugen.



TK: Was ist dein Ziel, wo wollen wir –sagen wir mal in 5 Jahren- mit unserem Fortbildungskonzept zur Anthroposophischen Pflege stehen?

FK:
Die auch in unserem Hause zunehmenden Personalbewegungen- häufiger Personalwechsel bzw. kürzere berufliche Verweildauer- verlangen meines Erachtens ein Umdenken bezüglich der Gestaltung der Mitarbeiterfortbildungen.
Es geht jetzt darum, den Mitarbeitern Grundlagen und Methoden zu vermitteln, die sie in kürzester Zeit zu einer ganzheitlich geleiteten Pflege befähigen.
Eine Form der Impulsgebung mit praktischer Relevanz sozusagen.
Vorrangiges Ziel ist es nicht, einen philosophisch-anthroposophischen Überbau zu bieten, sondern entsprechende Bewusstheit und Haltung der Pflegenden zu fördern und ihr Wahrnehmungsvermögen am Patienten zu schulen.
In diesem Sinne basteln wir fortlaufend an einem praxisorientierten und flexiblen Fortbildungskonzept, das auch den sich stets verändernden  Personalverhältnissen Rechnung tragen soll.

TK: Du bist über diese Aufgabe hinaus auch mit dem Projekt-Management im Pflegebereich beauftragt. An welchen Projekten bist du derzeit beteiligt und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Pflegenden „an der Basis“?

FK:
Da ist zuerst die Einführung der sog. Expertenstandards im Pflegebereich zu nennen. Diese Geschichte ist jetzt sehr aktuell und nimmt deshalb in unseren Projektplanungen eine zentrale Stellung ein. Es sind die verschiedensten Aufgaben damit verbunden, wie z. B. Ist-Analysen, Fortbildungen, Entwicklung von Dokumenten, Gestaltung von Arbeitsabläufen usw.
Diese Sache wird uns noch auf lange Sicht beschäftigen, da wir davon ausgehen können, dass es nicht bei den bislang vorgesehenen acht Expertenstandards bleibt.
Parallel arbeiten wir an kleineren, zeitlich umschriebenen Projekten.
Im Augenblick nehmen wir die Form und Kultur der Dienstübergaben in unserem Hause in den Blick.
Es hat sich nach meiner Erfahrung bewährt, Arbeitsgruppen zu bilden und Pflegende an den jeweiligen Projektaufgaben zu beteiligen. Zum einen erlebe ich dabei die besondere Motivation der Pflegenden bei der Mitarbeit und zum anderen mehr Bereitschaft, notwendige Veränderungen anzunehmen.
Wir pflegen in unserer Arbeitsgruppenkultur eine Vision der „lernenden Organisation“, d. h. die Etablierung einer Lernkultur, welche nachhaltig auf alle Bereiche wirken soll. Das ist unser langfristiges Ziel.

TK: Was ist für dich das Besondere an der Pflegekultur am Paracelsus-Krankenhaus?

FK:
Ich nehme wahr, dass es den meisten Mitarbeitern in der Pflege ein wirkliches Anliegen ist, den Patienten in unserem Hause die wertvollen Impulse und Wohltaten einer anthroposophisch orientierten Pflege zukommen zu lassen.
Und es stimmt mich in gewisser Weise doch zuversichtlich, dass sich dieses pflegerische Ideal, trotz des ständig zunehmenden wirtschaftlichen Drucks und den damit verbundenen personellen Engpässen, hier immer noch am Leben erhält. Wie bereit viele Mitarbeiter sind, freiwillig das für uns Entscheidende an Pflege zusätzlich zu leisten, ist schon bemerkenswert.
Das Interesse an der Anthroposophie und die Motivation der Mitarbeiter, in diesem Sinne pflegen zu wollen, ist für mich das Besondere an unserer Pflegekultur.

TK: Was macht dir bei deiner Arbeit am meisten Freude?

FK:
Ich schätze die Vorzüge, die mir mein duales Arbeitsfeld bietet.
Die Aufgaben sind vielfältig und angenehm abwechslungsreich.
Es ist für mich sehr profitabel, weil ich dabei reiche Erfahrung sammeln kann.
Freude bereitet mir insbesonders die variable Art der Begegnungen, die ich v.a. mit den Pflegenden habe. Ich erlebe die Pflegenden in der Unterrichtssituation, in gemeinsamen Arbeitsgruppen und auf Station. Es sind charakterlich ganz unterschiedliche gegenseitige Begegnungserfahrungen. Ich bin überzeugt, das es uns im sozialen Miteinander sehr hilft, gerade in konfliktträchtigen Situationen, uns aus anderen Begegnungszusammenhängen gegenseitig schätzen und anerkennen zu können.

TK: Wie sieht dein Bild aus von der „Gesundheits- und Kranken-Pflegelandschaft“ Deutschland in 10 Jahren? Was können wir als kleines Krankenhaus für eine positive Entwicklung tun?

FK:
Man mag mich nun für einen Pessimisten halten, denn mein Bild von der zukünftigen Entwicklung, v. a. im Gesundheitswesen, ist düster. Der Prozess, der seit dem Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen eingesetzt hat, ist noch lange nicht an sein Ende gekommen. Es werden noch viel schwerer verdauliche Einschnitte auf uns zukommen. Mein Vorstellungsvermögen reicht nicht aus, das Szenario zu beschreiben, das wir in 10 Jahren wahrscheinlich hier haben werden. Sicher ist, dass alles noch unmenschlicher werden wird. Es hilft uns nicht, diese Perspektive zu verdrängen.
Gerade an diesen bedrückenden Aussichten sehe ich aber auch die Aufgabe unserer Klinik.
Von der Politik kann man mit Sicherheit nichts erwarten, und man kann in direktem Sinne auch nur sehr bedingt Einfluss auf sie nehmen. Aber man kann in indirektem Sinne Wirkungen über Bewusstseinsveränderungen bei den Mitmenschen erzeugen. Eben darüber, wie z. B. Patienten Medizin, Therapien und Pflege an sich erfahren. Was der Patient am eigenen Leib „verspüren“, in der Seele „erleben“ und als „Einsicht“ für den Geist „gewinnen“ kann, wird seine sozialen und politischen Einstellungen in Zukunft prägen. Beim „Verbraucher“ (z. B. Patient) liegt meiner Meinung nach die Option einer gesellschaftlichen Veränderung und bei uns die Herausforderung bzw. Mitverantwortung, einen entsprechenden Prozess anzuregen.
Eine Pflegekultur sollte also immer noch unser Ziel sein, die dem Patienten, wenigstens ansatzweise, eine Perspektive von Menschlichkeit und würdigem Menschsein vermitteln kann und dabei mit gesteigertem Ernst ihre Impulse und Befruchtung aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners nimmt.

TK:
Vielen Dank für das Gespräch.

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INTERVIEW MIT RAPHAELLE BOUDOT

Interview mit Raphaelle Boudot (R.B.), Gesundheits- und Krankenpflegerin am Paracelsus-Krankenhaus.
Die Fragen wurden gestellt von Torsten Kleiner (TK), Pflegedienstleiter am Paracelsus-Krankenhaus.

T.K: Wie hast du den Weg von Colmar im Elsass nach Unterlengenhardt  im Schwarzwald gefunden? Wie waren dabei deine beruflichen Stationen?

R.B.:
Ich war auf der Suche nach einem Ort an dem Pflege mit Erweiterung durch die anthroposophische Menschen- und Heilmittelkunde, Einreibungen durch Wickel und Auflagen-  unterrichtet und vermittelt wird. Unterstützt durch wertvolle Menschen, welche mich darin gestützt haben den Schritt ins „unbekannte Ausland“ zu wagen, vollzog ich den Schritt von französischem Colmar nach Filderstadt (bei Stuttgart). Nach der Ausbildung zur Krankenschwester an der Filderklinik arbeitete ich noch ca. 2 Jahre dort.
Dem Wunsch nachgehend Hebamme werden zu wollen, ging ich schließlich nach Wiesbaden, um dort auf einer Entbindungsstation ein Praktikum zu machen. Ich nahm viele und wertvolle Erfahrungen mit, welche mich aber wie ein zweites Mal darin gestärkt haben weiter meinen Weg  in der Pflege zu suchen. Neu entschieden den therapeutisch-pädagogischen und medizinischen Impuls aufzugreifen, suchte ich nach einem Ort an dem die anthroposophische Pflege und Medizin eine lebendige Umsetzung finden.  So ging ich nach Unterlengenhardt.


T.K: Wie kam es bei dir zur Entscheidung für die Krankenpflegeausbildung?

R.B:
Unter den Bereichen die mich am meisten interessierten, wählte ich den medizinischen Bereich. Zunächst ging ich in eine Klinik für Krebskranke im Elsass und absolvierte dort ein Praktikum. Im Laufe der Zeit entwickelten sich ein tiefer Sinn, eine große Freude und ein Ehrgefühl für das was der Beruf der Krankenschwester ist. Auf seinem Krankheitsweg braucht der kranke Mensch Unterstützung, Begleitung, Verständnis aber manchmal auch Konfrontation. Ich wollte lernen wie solch eine Unterstützung fachlich, menschenkundlich und auch aus ethischer Sicht ihren Ansatz nehmen kann. Die Angebote in Frankreich haben meine Vorstellungen jedoch überhaupt nicht erfüllt. So lernte ich die Filderklinik kennen als eine Möglichkeit  eine anthroposophisch orientierte Pflege-Ausbildung zu machen. Der Entschluss war schnell gefasst, und wenn auch noch etwas unsicher machte ich mich auf den Weg nach Filderstadt.

T.K: Was war das Besondere an der Ausbildung an der freien Krankenpflegeschule an der Filderklinik?

R.B:
Das Besondere war die Herangehensweise wie uns im Unterricht der Lernstoff vermittelt wurde. Die Erweiterung der Pflegekultur durch das anthroposophische Menschenbild, das Erlernen der äußeren Anwendungen und der rhythmischen Einreibungen nach Wegmann/Hauschka, sowie die Kunstepochen erlebte ich als prägende Elemente der Ausbildung. Nicht weniger wichtig waren  für mich natürlich ganz besonders auch die Menschen dort: die Lehrer, die Mitschüler,  die Kollegen auf den Stationen und die Patienten.

T.K.:Wie würdest du die Pflegekultur am Paracelsus-Krankenhaus beschreiben mit Blick auf die Tätigkeit am Patienten als auch auf die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen?

R.B.:
Die Pflegekultur im Paracelsus-Krankenhaus berührt mich sehr. Ich erlebe bei den dort tätigen Menschen ein großes Interesse an der anthroposophischen Pflege und  das große Anliegen  mit und durch die anthroposophische Pflege am Patienten tätig sein zu wollen. Es lebt das Bemühen durch die Pflege den Menschen in seiner Individualität und seiner Krankheit „ganzheitlich“ zu einem nächsten Entwicklungs- und Genesungsschritt zu unterstützen und zu begleiten. Dieses Bestreben und das Motiv jedes Einzelnen nicht funktional sondern aus einem individuellen und schöpferischen Impuls zu pflegen ist für mich das Wesentliche was unsere Pflegekultur im Paracelsus-Krankenhaus ausmacht.
 
T.K.: Was ist für dich persönlich das Wesentliche der Anthroposophischen Pflege?

R.B.:
Das ist eine sehr interessante Frage! Die anthroposophische Pflege drückt sich für mich in den alltäglichen Dingen, wie Waschen,  Kleiden, Bewegen, Anregen, Ernähren, Entlasten oder Aufnehmen usw. aus. Aus welcher inneren Haltung tue ich dies und mit welchem Ziel? Wo steht der Mensch in diesem ganzen Prozess? Diese Fragen begleiten mein Tun und ermöglichen mir immer wieder vom individuellen  Menschen auszugehen.
Wesentlich für mich ist es, der Individualität, den aus der Krankheitssituation sich ergebenden Entwicklungsmöglichkeiten und dem unberührten Wesenskern des Menschen aus einer bewussten inneren Haltung gerecht zu werden. Die bewusste Beobachtung und Wahrnehmung am Patienten, das menschenkundliche Verständnis der Krankheitsbilder, sowie eine tiefere Sicht zu den Heilmitteln  bilden eine konkrete Grundlage meiner Arbeitsweise.
Das anthroposophische Menschenbild gibt die Möglichkeit den Menschen und die Krankheit differenziert  und zusammenhängend zu verstehen und zu empfinden. Ganz besonders in den äußeren Anwendungen und Einreibungen findet die anthroposophische Pflege ihre konkrete Entfaltung, ihre menschennahe und wertvolle Wirkung.

T.K.: Was bedeutet für dich das umfassende Fortbildungsangebot in unserem Haus- bei dem du auch ja selbst durch Pflanzenbetrachtung beiträgst?

R.B.:
Das Fortbildungsangebot in unserem Hause ist sehr groß und vielseitig gelagert. Über die Pflegefach- und „Pflichtfortbildungen“ hinaus haben wir das große Glück uns auch auf der Ebene der anthroposophischen Menschenkunde und der damit verbundene Heilmittellehre vielseitig fortzubilden. Unser Interesse am Menschen kann durch eine tiefere Beziehung zu den Heilmitteln und das erweiterte Verständnis der Krankheiten wachsen. Die regelmäßige Pflege von ganzheitlichen Inhalten trägt für mich, eindeutig zu einer Substanzerkraftung, sowohl bei sich selbst als auch bei der Pflege am Patienten.

T.K.: Auch das Paracelsus-Krankenhaus blieb nicht von den Umbrüchen im Krankenhauswesen verschont. Was hat sich für dich in den letzten 5 Jahren bei der direkten Arbeit am Patienten verändert? Gab es neben der „Entwicklung“ mehr schwerstkranke Patienten in weniger Zeit mit weniger Personal auch irgendwelche positive Schritte?

R.B.:
Der Zeitmangel am Patienten aber auch für Dokumentation und organisatorische Dinge ist sicherlich für alle Pflegende eine sehr einschneidende bzw. belastende Entwicklung. Es entsteht eine gewisse Sehnsucht nach Ruhe, Innerlichkeit  und mehr Ordnung bei der Arbeit. Nicht nur die Tatsache, dass die Patienten kränker geworden sind,  auch die kürzere Liegedauer und der Personalmangel wirken sich aus.
Ich glaube dass alles nicht nur eine Zeit- sondern viel mehr auch eine Bewusstseinsfrage ist. Meinem Eindruck nach, können die Umstände auch die Möglichkeit eröffnen wacher, offener und zentrierter den täglichen Anforderungen zu begegnen. Wir müssen ökonomischer, bewusster und menschlicher arbeiten lernen und den Menschen in die Mitte stellen.
Vielleicht könnte man sogar  sagen, dass der Pflegende dadurch vielmehr aufgerufen wird aus einem Ideal heraus seine Arbeit zu gestalten und sie mit neuen Werten zu beleben. Innerlich bin ich fest davon überzeugt, dass der Pflegende sowie auch der Patienten aus diesen Anforderungen Möglichkeiten der Entwicklung neuer Eigenschaften und Werten finden können.

T.K.: Vielen Dank für das Interview.